Pädagogische Auslegung

Die Adolf-Reichwein-Schule Nürnberg ist, (Zitat des Sohnes Reichweins, Dr. Roland Reichwein aus dem Jahre 1989) "eine Schule, die sich ernsthaft bemüht, ihrem Namenspatron Ehre zu machen".

Adolf Reichwein, Antifaschist, Professor und eben auch Lehrer und Mann der Praxis, liefert keine feststehende Schultheorie, sondern in seinem pädagogischen Hauptwerk die Beschreibung von (Zitat: Peter Meyer) "mühsamen kleinen Schritten, die jeweils genau bedacht sind und aus denen die unverwechselbare Gestalt einer Lebensgemeinschaftsschule entsteht. Kein Plan, kein kopierbares Muster ist vorgegeben." Seine Fälle aus der Praxis sollten von uns Reichweinlehrern in die Jetztzeit transformiert werden, müssen nicht, sollten eben. Zwei Prämissen waren bindend für Reichwein, wir haben sie übernommen:

  • Einerseits die Beachtung der situativen Bedingungen des pädagogischen Felds, Rücksicht auf die konkrete Lebenslage, Gegenwart, Zukunft, gesellschaftliche Einbettung des Schülers.
  • Andererseits anthropologische Einsichten, die Achtung intellektueller Bedürfnisse des Kindes. Reichwein ist sich einer Selbstkraft sicher, "die jedem Kinde innewohnt" (Zitat: Adolf Reichwein). Es gilt, sie zu nutzen!

Der erste Punkt hat unsere Schule hin zur Ganztagsschule entwickelt; wir haben viel Zeit, konkret mit unseren Schülern zu leben, ihnen Nachbar zu sein, ihre Situation aus familienpolitischer, sozialpolitischer und sozialpädagogischer und aus freizeitpädagogischer Sicht sehr genau kennenzulernen.

Der zweite Aspekt lässt uns zu einer "vernünftigen" Ganztagsschule werden, einer Schule mit rhythmisiertem Schultag, auch mit Stunden völliger Freiheit, die uns und die Schüler fordern, mit leiser sozialpädagogischer Betreuung, mit projektähnlichen "Ernstsituationen" (Zitat A. Reichwein) wie Schulfahrten, Festen, Nachbarschaftskontakten, mit dadurch rhythmisiertem Schuljahr und schließlich ergänzend mit einer möglichst engen Verbindung von handwerklicher und schulischer Bildung. Wir möchten diesen Aspekt den schulpädagogischen nennen.

 

DAS SCHULKONZEPT

 

Unsere Schule versteht sich in ihrer Grundkonzeption als gebundene Ganztagsschule mit ergänzenden, offenen Bereichen:

Verstärkung des Pflichtunterrichts mit integrierten Fördermaßnahmen

In den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik, Physik und Chemie sind alle Jahrgänge mit zusätzlichen „Trainingsstunden“ (Trainieren, Üben, Vertiefen) im Klassenverband bzw. in Arbeitsgruppen ausgestattet. Sie dienen der Übung und Anwendung. Das Übungsmaterial gewährleistet ein individuelles Vorwärtskommen jedes einzelnen Schülers. In Jahresstufe 10 sind die Stunden der intensiven Vorbereitung auf die Abschlussprüfung gewidmet.

Erweiterung der Unterrichtsinhalte

  • „Lernen lernen“ und „Soziales Lernen“ als Schulfächer in den Jahrgängen 5 und 6 stärken den Teamgeist, die Selbstständigkeit und das Selbstbewusstsein unserer Schüler.
  • Leseförderung durch Schul- und Klassenbibliothek sowie wöchentliche Lesestunden im Klassenverband.
  • In den Jahrgängen 5, 6 und 7 ist jeweils ein halbjähriger Kurs in den Lehrwerkstätten Metall und Holz unter Anleitung eines Handwerksmeisters obligatorisch. Er kann ab Jahrgangsstufe 8 weiter freiwillig besucht werden.
  • Die Klassenlehrer verwenden das erweiterte Stundenangebot in ihrem Fach auch zur Behandlung gemeinschaftsfördernder Fragen (Sozialerziehung).
  • Im Jahrgang 9 findet ein mehrtägiger Erste-Hilfe-Kurs mit Bescheinigung (Rotes Kreuz) und ein obligatorisches Betriebspraktikum statt. Im 8. Schuljahr wird ein Sozialpraktikum abgelegt, im 9. Schuljahr folgt das Berufspraktikum.
  • Fächerübergreifende Vorhaben (Projekte) bestimmen Wochen- und Jahresplan.
  • Lehrmittelbau in eigener Schulwerkstatt: Computer- und Arbeitstische, Flaschenzugmodelle, Lernspiele, Projektpräsentationen.

 Zusätzliche Unterrichtsfächer im gebundenen Freizeitbereich

Der Wahlbereich (gebundene Wahlfächer) hat folgende Leitthemen:

 „Gemeinschaftsbildend“ (Grünlandpflege, Kegeln, Kochen, Schulreporter)

„Kulturell-musisch“ (Gestalten mit Holz und Metall, Ölmalerei Maskenbau, Experimentieren, Theaterspiel, Musizieren)

„Freizeitpädagogisch“ (Slotracing, Badminton, Modellbau, Seidenmalerei)

Arbeitsphasen
Nachbereitung der Stunden in Geschichte, Erdkunde, Musik, Hauswirtschaft, Biologie, mündliche Vorbereitung auf den folgenden Schultag innerhalb der Stunden für Training, Übung und Vertiefung.

Erkundungs- und Kennenlernwochen außerhalb des Schulgeländes
Radeln, Zelten, Wandern, Spielen in der letzten Schulwoche, Klassenstufe 5 zusätzlich auch zum Schuljahresbeginn.

Feste und Feiern
Klassenweihnachtsfeiern, Klassenwochenfeiern, Projektfeste und Sommerfest rhythmisieren das Schuljahr und beziehen Eltern und Nachbarn der Schüler mit ein.

 

 

 

Vorhaben (Projekte)
Beispiele: Umgestaltung eines Bauwagens zum Schulcafé, Schulteichprojekt, Schulgarten mit Kräuterschnecke, Ausgestaltung und Einrichtung eines Mehrzweckgebäudes (Computerraum; Töpferei; Büro; Theaterraum), themenbezogene Arbeit im Jahreskreis.

 

 

 

Ernstsituationen (wie Feste und Feiern), die die Identifikation mit der Schule und die Integration des Kindes in die Schulgemeinschaft fördern. Aktuell: Ausgestaltung des neuen Schulhauses.

Unser inhaltlicher Anspruch geht über den einer Halbtagsschule mit Aufgabenbetreuung, bzw. den einer Schule mit angegliedertem Hort oder Tagesheim hinaus und spiegelt die beiden Prämissen Adolf Reichweins zur Persönlichkeitsentwicklung und Sozialerziehung wider. Dies wird im ergänzenden offenen Bereich (ungebundener Freizeitbereich) besonders deutlich:

  • arbeitsteilige Dienste an der Gemeinschaft unter Anleitung in Eigenverantwortung (Ernstcharakter):

     Fahrradwerkstatt, Partygruppe, Schulcafé, Pausenverkauf, Ordnungsdienste

 

  • Abbau von Schulverdrossenheit. Anleitung zur Selbsttätigkeit, Erkennen und Nutzen individueller Interessen (Selbstkraft):

Schulzeitung, Schulband, Schulbücherei, Schultiere, Jonglieren, Modelleisenbahnprojekt, Trommelkurs, Fahrradbau, Reparaturwerkstatt, Spielothek, Zeitungs- und Ruheraum, Schachkurs, Textilwerkstatt, Schulchor, Töpferkurs, Schulgarten

 

Häufig vernetzen sich Freizeit- und Unterrichtsbereich der Schule konzeptionell: Eine „Anwendung“ im Fach Lernen lernen erarbeiteter Entspannungstechniken vor Klassenarbeiten ist ebenso sinnvoll wie die „Nachbehandlung“ von Artikeln aus der Schulzeitung im Deutschunterricht. Biologieunterricht unter Einbeziehung des Schulzoos, Vertiefung der Mechanik (Physik) in der Mechanikerwerkstatt sind Beispiele („Learning By Doing“).

Keine Lehrkraft kann für sich in Anspruch nehmen, nicht in gebundener oder ungebundener Freizeit eingesetzt zu werden. Übungs-, Förder- und Zusatzstunden werden grundsätzlich von den Fachlehrern gehalten. Im Freizeitbereich (gebunden und ungebunden) aber auch bei speziellen Erziehungsproblemen helfen Eltern, Werkmeister, Hausverwaltung, Küchenteam, Sozialpädagogen und Erzieher.
 

Schule ist mehr als Unterricht.

Lehrer und Lehrerinnen unserer Schule bilden den Schulträger, sie verwalten und gestalten demokratisch ihr Lebenswerk, sie unterhalten eine Schule in freier Trägerschaft.

Oberstes Gebot für jeden Mitarbeiter:

Kontakt, Nachbarschaft zum Kind und zum Jugendlichen über den Unterricht hinaus.

 

Nachsatz:

Der Adolf-Reichwein-Schulverein Nürnberg e.V. hat sich zur Aufgabe gestellt, inmitten der Lehrstoffdichte weiterführender Schulen wieder Raum für erzieherische Betreuung zu schaffen. Seine Einrichtungen tragen den Namen eines Mannes mit außerordentlichen menschlichen und pädagogischen Qualitäten. Reichweins kindgerechtes, an praktischer Erfahrung orientiertes Lehren ist uns Verpflichtung. Wesentliches Kennzeichen der Reichweinschen Pädagogik ist die intensive Beschäftigung mit den Kindern während des gesamten Tages. Es ist offensichtlich, dass dies erst an einer Ganztagsschule verwirklicht werden kann. Hier kann sich die "Nachbarschaft" zwischen erziehenden Erwachsenen und Schülern voll entfalten und der Lehrer wirklich Einsicht in das Wesen des Kindes gewinnen.